Starkregen war angesagt und ich überlegte mit meinem Mann, ob es nicht besser wäre, etwas später in den Urlaub aufzubrechen. Da wir mit dem Wohnwagen unterwegs sein würden, wäre mir unwohl dabei, in ein Unwetter zu geraten.

Aber es regnete nur kurz sehr stark, mein Mann wurde einmal komplett durchnässt. Dann hörte es auf, sodass wir in der Nacht beruhigt losfahren konnten. Unseren ersten Halt machten wir in Luzern. Am Parkplatz stand ein Fernsehteam, welches über den See berichtete, der dort nach einem Unwetter über die Ufer gekommen ist. Wir wollten eigentlich eine Nacht dort übernachten, doch wir beschlossen direkt weiter zu fahren und erst am Lago Maggiore zum schlafen zu halten.

Wir bereiteten den Wohnwagen vor um darin gemütlich schlummern zu können.

Entspannt lehnte ich mich in mein Kissen zurück als mein Handy klingelte. An der anderen Seite des Hörers erklang die besorgte Stimme meiner Freundin Sveta. Sie fragte mich, ob sie bei uns Zuhause mal vorbei schauen sollte, denn Bekannte die im selben Neubaugebiet wohnen, hatten ein Problem.

Sie schickte mir ein Video auf dem sich ein uns bisher unbekanntes Bild bot. Wasser drang durch den Garten in ein Wohnzimmer. Das Wasser stand bereits Knöchelhoch.

Auf Nachfrage bei unseren direkten Nachbarn erfuhren wir, dass bei unserem Haus bisher alles OK sei.

Doch ich konnte nicht schlafen. Nach und nach trudelten Bilder durch den Whats App Status und durch Facebook, die uns dazu veranlassten zu beten. Dies wurde die Nacht über dann zu meiner Hauptbeschäftigung, an Schlaf war nicht mehr zu denken.

Bilder einer Flutwelle die durch unser Dorf streifte, erschüttern uns. Ängstliche Nachrichten aus dem Heimatort unserer Kinder, in denen berichtet wurde, dass die Gefahr bestünde, die Steinbachtalsperre drohe zu brechen. Mir wurde immer flauer im Magen. Stromausfall, Dunkelheit, kein Leitungswasser mehr. Kein Handynetz, kein Internet. Was blieb war Unklarheit, eine große Menge dreckiges Wasser, Schlamm und große Angst.

Angst, die vielen auch im Nachhinein noch tief im Nacken sitz. Eltern, die die ganze Nacht nicht wussten, wo ihre Kinder sind und am nächsten Tag keine Chance hatten sie zu suchen. Denn es war kein vorankommen möglich. Eingestürzte Fahrbahnen und Brücken, Wassermassen auf den Straßen, zerstörte Häuser.

In der Nacht konnten einige Menschen evakuiert werden. Traumatische Erfahrungen unter denen auch viele Kinder leiden. Die Wassermassen in denen sie eingeschlossen waren. Die Todesangst in den Augen ihrer Eltern. Es ging bei vielen nicht nur darum, ihr ganzes Hab und Gut zu verlieren. Es ging ums pure überleben. Und einige mussten mit dem Leben bezahlen. Die Flut die NRW und Rheinland Pfalz überraschte, hat für Zerstörung gesorgt. Zerstörte Orte, zerstörte Herzen, zerstörte Existenzen und geplatzte Träume. Der Lebensraum vieler Menschen war und ist verschwunden. In nur einer Nacht. Hier vor Ort. Da wo ich wohne. Nicht weit weg. Nicht im Fernsehen. Da wo ich Zuhause bin. Kein Anwohner hatte mit einer Flur gerechnet.

Am nächsten Tag wurde die Evakuierung fortgesetzt. Menschen wurden in Notunterkünften untergebracht. Viele wurden vermisst und eine Kommunikation war kaum möglich. Die Ungewissheit belastete viele.

Die Bilder schossen mir immer wieder vor mein inneres Auge. Die ganze Nacht über. Ich war froh darüber, dass unsere Kinder dies nicht vor Ort miterleben müssen.

Am Lago Maggiore trafen wir liebe Freunde aus Deutschland um dort 2 Tage mit ihnen zu verbringen. Wir waren überrascht von ihnen zu hören, das in der Nacht zuvor ein heftiger Sturm genau an diesem Ort war, an dem wir nun standen.

In deren Unterkunft regnete es sogar durch das Dach, weil teilweise Hausdächer vom Wind abgedeckt wurden.

Als wir am Morgen auf den Straßen unterwegs waren, betrachteten wir das Ausmaß. Wir sahen viele umgestürzte Bäume, der Wind musste heftig geweht haben. Wir waren sehr dankbar, dass wir auch diesen Sturm nicht mitbekamen.

Die Nachrichten aus Deutschland, aus denen wir von nicht geräumten Campingplätzen erfuhren, die völlig von der Flutwelle überrollt wurden, liesen mich erschaudern. Ich wollte mir nicht vorstellen wie es ist, wenn du mit deiner Familie im Wohnwagen liegst, plötzlich von einer Flutwelle mitgerissen wirst und mit deinen Kindern im Wohnwagen ertrinkst.

Ich musste beginnen, weg von meiner Angst zu schauen und dahin, dass es uns gut geht. Ein dankbares Herz darüber bewahren, dass wir an einem andern Ort sind, statt in Gedanken durchzuspielen, wie sich die Menschen gefühlt haben müssen.

Die nächsten Tage waren geprägt von Organisation am Handy. Unsere Kinder hatten in diesen Tagen kaum etwas von uns. Meine Freundin Lena, die ich ein paar Tage später an unserem Urlaubsort in Bibione traf, sagte mir, dass viele sie ansprächen, ob es eine Möglichkeit zum Spenden gäbe und ob wir nicht etwas ins Leben rufen könnten. Gesagt getan, starteten wir einen Moneypool.

Dieser Moneypool füllte sich und füllte sich. Halfen wir einer Familie oder Einzelpersonen mit Geld, schienen die selben Beträge wieder nachzufließen. Der Geldsegen wurde nicht weniger. Wir sind überwältigt von der Bereitschaft der Menschen, einander zu helfen. Wir können allen Spendern nur unseren großen Dank aussprechen. Gott soll jeden einzelnen reich segnen!

Mit jeder Spende, wurden wir auch in der Ferne mit neuem Leid konfrontiert. Wir konnten es nicht fassen, dass dies alles Zuhause vor unserer Haustür geschah. Mein Mann der in der Politik vor Ort tätig ist, versuchte so gut er konnte, aus der Ferne mitzuwirken.

Relativ schnell merkte ich, dass es für die Menschen sehr schwierig ist, sich zu vernetzen und Hilfe zu finden. Also gründete ich eine Whatsappgruppe “Hilfe für Heimerzheim” die aber so schnell an ihre Kapazitäten kam, dass ich eine weitere Gruppe über Telegramm eröffnen musste, in die mehr Personen rein passten.

Was in diesen Gruppen geschah, war der helle Wahnsinn. Ganz ehrenhafte Menschen übernahmen das Ruder und stellten sich mit all ihrer Zeit zur Verfügung. Sie organisierten sich anfangs über die Gruppe und richteten dann einen Sammelpunkt vor Ort ein um von dort aus Hilfe zu koordinieren. Dieser Punkt wurde sogar auf warmes Mittagessen ausgeweitet. Noch heute, viele Wochen nach der Flut existiert dieser Infopoint in der Mitte von Heimerzheim. Zahlreiche Helfer von überall her überfluteten unser Dorf. Diesmal handelte es sich um eine Flut im positiven Sinne. Eine Flut der Liebe. Auch aus der Heimat meines Mannes (Bielefeld) kommen immer noch viele Helfer um zu unterstützen.

Denn die Not ist weiterhin groß.

Die Tage im Urlaub drehten sich nahezu ausschließlich um die Flut und deren Folgen. Wir versuchten trotzdem den Kindern so schöne Tage wie möglich zu schaffen und sie möglichst wenig mitbekommen zu lassen. Sollten sie sich im Urlaub nicht mit diesen Sorgen rumschlagen müssen, denn diese würden nichts verändern.

Zuhause würden sie bald genug mit der Realität konfrontiert werden. Der große Müllberg der uns empfing, als wir in das Neubaugebiet rein fuhren, sollte uns einen kleinen Vorgeschmack geben. Obwohl das Gröbste schon beseitigt war als wir ankamen (nach dem Urlaub verbrachte ich noch ein paar Tage mit den Kindern bei meiner Familie in Bayern, damit Eddy mit anpacken konnte und die Lage vor Ort erstmal abchecken konnte), war die Veränderung dennoch riesig. Die Geschäfte im Ortskern zerstört, alle Häuser die im Ortskern standen waren hinüber. Für unsere Kinder wohl der größte Verzicht ist nicht die Eisdiele, der Bäcker oder die Apotheken die fehlen. Nein, es ist die Schule der Kinder, in der sie täglich viele Stunden ihres Lebens verbrachten. Die für sie ein Ort ist, an dem sie sich wohl fühlen können. Oder konnten. Unser Bub wurde mittlerweile eingeschult, doch ist die Grundschule in unserem Ort nicht mehr verfügbar. Die Gesamtschule hat zugestimmt, sich ihr Gebäude mit den Grundschülern zu teilen, was aber für die meisten beteiligten eine große Belastung ist. Nach 1,5 Jahren Schule mit Corona, hätten wir den Schülern alle einen leichteren Start gewünscht. Aber bis heute gibt es keine andere Lösung. Bis zu den Herbstferien waren alle bereit, die Umstände in Kauf zu nehmen. Umstände bedeutet für die Gesamtschüler Homeschooling, spätere Unterrichtszeit und lange Schultage sowie nur 4 Tage Präsenz. Der Lernstoff wird dadurch aber nicht weniger. Die Ansprüche bleiben die selben. Auch unsere Grundschüler sind an die Vergleichsarbeiten Vera gebunden, die ihnen aufgezwungen werden, obwohl sie doch schon soviel Druck ausgesetzt waren und die Schule den Schülern dies gern erbracht hätte. Leistung muss also weiterhin erbracht werden, wie dies geschafft wird ist dem Lehrpersonal und den Eltern überlassen. Die Lehrer hätten den Kindern dies gern erspart und haben sich sehr bemüht, aber was in Deutschland Pflicht ist, ist eben Pflicht. Da kommt man nicht drum rum, egal wie die Umstände sind. Bürokratie pur.

Ein großes Dankeschön an die Gesamtschule!

Für unsere Grundschüler bedeutet dies, die Schule Samstags zu besuchen, während ihre Geschwister die im Kindergarten sind, ausschlafen dürfen. Diese müssen dafür wie gewohnt Montags aufstehen, wenn die Grundschüler Zuhause bleiben. Dies stellt viele Familien, vor allem in denen beide Elternteile arbeiten, vor enorme Herausforderungen. Doch scheint es keine andere Möglichkeit als diese Lösung zu geben. Druck, der für alle Kinder hier im Ort in Kombination mit den Corona Maßnahmen zu hoch ist. Viele Kinder müssen das Erlebte mit Therapeuten aufarbeiten.

Einschulung ohne eigenes Schulgebäude

Die Geschichten, die wir nicht nur von hier hören, sondern aus dem 15 – 20 Minuten entfernten Ahrtal belasten uns alle. Die Geschichte der Familie die gesucht wurde, von der man dann erfahren hat, dass sie sich aufs Dach retten konnten und dann mit dem ganzen Haus von der Flutwelle weggespült wurden. Hart für uns alle.

Niemals hätte ich gedacht, dass ein Hochwasser so lange so große Schäden mit sich zieht. Wenn klares Regenwasser ins Haus kommt, ist es die eine Sache es wieder trocken zu bekommen. Wenn jedoch die Flutwelle durch das Haus gestreift ist, heißt es erst einmal feststellen ob das Haus einsturzgefährdet oder weiterhin bewohnbar ist. Ein Bekannter berichtete, dass man sein Haus nur noch 30 cm gesehen hat. Unvorstellbar, was hier alles zerstört wurde. Mit dem Wasser kamen auch Heizöl, Fäkalien und weitere schädliche Stoffe. Um diese wieder aus dem Haus zu bekommen, muss der Putz und der Estrich entfernt werden. Chris und Julia, die ihr Haus gerade renoviert und bezogen hatten, müssen ihr Haus komplett entkernen. Versicherungen für die Häuser am Bach waren für viele unbezahlbar. So stehen viele Menschen vor dem Nichts. Wertvoller wie nichts anderes ist also die Hilfe die von außerhalb kommt. Sei es in Form von Sachspenden, Geld oder dem Anpacken. Trotzdem ist die Situation weiterhin sehr belastend, gibt es hier viel zu wenig Wohnraum um Betroffene unterzubekommen. Händeringend wurde danach gesucht.

Ich wünsche mir sehr, dass die Hilfen von Land und Bund schnell ausgezahlt werden, denn vielen ist es nicht möglich in Vorkasse zu gehen. Selbst bei versicherten ist dies oft schwierig, brauchen sie das Geld doch eigentlich im Vorhinein um Dinge bezahlen zu können.

Die Flutsituation war eine starke Belastung für unseren Ort. Froh sind wir darüber, dass viele Menschen so zusammengerückt sind und sich gegenseitig Helfen. Ich bin wirklich berührt über diese Nächstenliebe und Gott sehr dankbar für alle Hilfe die er den Menschen schenkt. Möge er diesen Menschen Trost, Frieden und Heilung in ihren Herzen schenken und vor allem auch die Kinder wiederherstellen. Berichte von Geschwisterkindern die sich auf dem Pausenhof schützend in die Arme laufen, weil es zu regnen beginnt, lassen mein Herz traurig werden. Doch groß ist meine Hoffnung, dass Gott genau diesen Kindern in ihrer Not begegnet und sie tröstet.

Danke für jedes Gebet und jede Hilfe die du investiert hast und investierst!

Alles Liebe,

Katharina

Edit: Nach den Weihnachtsferien durften die Kinder endlich die endgültige Übergangslösung beziehen. Wie es mit dem Bau der Grundschule weitergeht steht noch in den Sternen. Doch die Container die für die Schüler aufgestellt wurden sind gut ausgestattet und sicher eine gute Zwischenlösung für die nächsten Jahre.